Mit dem Klapprad unterwegs auf dem Unstrutradweg

Mit dem Klapprad an der Unstrut Quelle

Möglichst wenig Gepäck, möglichst flexibel bei An- und Abreise heißt meine Devise für die Tour entlang der Unstrut von der Quelle in Kefferhausen bis zur Mündung in Naumburg an der Saale. Knapp 180 km ist die Strecke lang. 3 Tage sind dafür geplant. Das sind pro Tag 60 km, ein Klacks für mich, denke ich im Vorhinein.

Weil ich von Köln mit der Bahn anreise und ich keine Lust habe, ein Ticket für das Rad zu buchen, weil es immer mit Umständen verbunden ist, eingeschränkte Zugwahl, keine vorhandenen Stellplätze, Probleme bei Zugausfall, entscheide ich mich fürs Klapprad. Das kann ich zusammenfalten, dann zählt es nicht als Fahrrad, sondern als Gepäckstück, für das ich nicht auch noch extra zahlen muss.

Die Anreise
In aller Herrgottsfrühe, um 5:22 Uhr, geht es von Köln nach Erfurt. In Frankfurt am Main ist umsteigen angesagt. Nach Tagen der Hitze und des blauen Himmels hat es in der Nacht geregnet. Als ich durch Thüringen mit dem Zug fahre, gießt es in Strömen. Nass und wolkenverhangen präsentiert sich die Landschaft grau in grau.
Doch der Wettergott scheint es gut mit mir zu meinen. Als ich in Erfurt ankomme, ist es zumindest trocken. Das tue ich sogleich auch bei Twitter kund, was ich aber wohl besser gelassen hätte, denn nur wenige Minuten später fängt es an zu regnen. Es ist ein feiner, dichter Nieselregen, der mich noch in Erfurt komplett durchnässt. Weil es von den Vortagen aber noch sehr warm ist, verwerfe ich den Gedanken, von Erfurt nach Silberhausen mit der Bahn zu fahren, sogleich wieder. Wie ich später im RegenRadar sehe, hab ich wohl an diesem Tag eine Regenfront in Thüringen erwischt. Mich begleiten die Regenwolken bis zur Quelle.
Naja, was soll`s. Regen gehört halt auch zum Radfahrerleben. Meiner Laune tut das keinen Abbruch. Ich bin erstmal von der schönen Innenstadt Erfurts ganz begeistert und zücke meine Kamera. Was für tolle, alte Gebäude.
Gerne würde ich hier mehr Zeit verbringen. Aber ich habe noch gut 80 km bis zur Quelle und dann kommen ja noch mal 60 km oben drauf für meine erste Etappe. Daher reiße ich mich los von diesem beeindruckenden Gebäuden, zumal der Regen heftiger wird.
Komoot hat mir die Strecke von Erfurt zur Quelle nach Kefferhausen vorgeschlagen. Ohne mir die Tour näher anzuschauen, habe ich so übernommen. Wunderbar einsam sind die ersten Kilometer. Weit und breit nur Landschaft mein Rad und ich.
Leider wird der Regen immer doller. Ich packe mein Handy in eine Plastiktüte. Die Temperaturen sind aber noch so warm, dass ich auf die Regenjacke verzichten kann. Die Route geht nun an einer Landstraße entlang. An mir donnern LKWs vorbei. Wetter und Strecke machen jetzt nicht wirklich Spaß. Irgendwann lege ich einen kurzen Stopp ein und schaue, ob ich die Strecke nicht optimieren. Aber schöner bedeutet immer auch länger und dafür habe ich nicht wirklich Zeit. Wegen des Wetters bin sich sowieso langsamer als geplant. Also weiter der Landstraße entlang.
Nach unendlich viel Zeit werden die Wege wieder schöner und einsamer. Ich komme vorbei am Kloster Anrode, das ich vom Hörensage kenne. Gerne würde ich mich hier näher umschauen, aber ich hinke fast 1,5 Stunden meinem Zeitplan hinterher. Das vom Unstrutradweg e. V. eingeplante Mittagessen in der Pizzaria in Dingelstädt habe ich schon abgehakt. Endlich ist Kefferhausen, der Quellort der Unstrut in Schlagweite.
Schließlich liegen Quelle und Radweg vor mir. Ich freue mich. Endlich am Startpunkt. Und sogar der Regen hat aufgehört.
Ein wirklich schmales Rinnsal kommt aus dem Erdreich. Faszinierend, dass aus sowenig Wasser ein richtiger Fluss entstehen kann. Ich bin sehr gespannt, was mich erwartet.

Etappe 1: Von Kefferhausen nach Herbsleben
Die ersten 60 km liegen vor mir. Und wieder frage ich mich, wie soll aus diesem bisschen Wasser nur ein Fluss werden? Ich schaue auf die Uhr, wir haben 14:45 Uhr, eigentlich müsste ich in 15 Minuten schon in Mühlhausen sein, wo mich eine Stadtführung erwartet. Doch bis dahin sind es 25 km. Ich liege hoffnungslos über meinem Zeitplan.
Und richtig schnell komme ich einfach nicht voran. Dazu bietet die Strecke viel zu viele schöne Motive, die ich mir nicht entgehen lassen möchte. Nach fast jeder Kurve möchte ich halten und die Strecke dokumentieren.
Und bereits in Dingelstädt, keine 2 Kilometer von der Quelle entfernt, werden Wasserräder eingesetzt, um die Wasserkraft der Unstrut zu nutzen. Ich bin wirklich überrascht, wie schnell nach so kurzer Zeit aus dem Rinnsal ein kleiner Bach geworden ist.
Die ersten Kilometer fahre ich bewusst nur nach den Unstrutradwanderweg-Schildern, die fast überall gut sichtbar sind. Nur manchmal muss ich ein bisschen suchen, wo es denn weitergeht. Oder ich bin abgelenkt, weil mich am Wegesrand andere Dinge interessieren und so übersehe ich gleich mehrfach die Hinweisschilder. Daher schalte ich dann doch ziemlich schnell wieder auf die digitale Navigation via Handy um, weil es so einfach zügiger geht.
Erst kurz vor fünf erreiche ich Mühlhausen. Meine Verspätung hat sich also sogar noch vergrößert. Jetzt liege ich sogar 2 Stunden hinter dem Zeitplan. Bilder und Insta-Stories auf der Strecke kosten einfach Zeit.
Die geplante Stadtführung hab ich längst abgeschrieben. Die Sonne ist herausgekommen und scheint mir warm ins Gesicht. Ich überlege wie ich jetzt weitermache. Direkt durchfahren nach Bad Langensalza, um doch noch ein bisschen Zeit rauszuholen, oder zumindest einmal durch Mühlhausen, um einen Eindruck von der Stadt zu bekommen?
Ich entscheide mich für Letzteres. Nicht umsonst hat der Unstrutradweg e. V. hier eine Stadtführung eingeplant. Der Theologe und Reformator Thomas Müntzer soll hier gewirkt haben. Und Johann Sebastian Bach! Mit dessen Musik bin ich aufgewachsen. Ich höre ihn heute immer noch gerne. Ich denke an das Bonmot, Bach müsste Meer heißen. Beethoven soll das gesagt haben. Recht hat er.
Außerdem ist der Architekt Johann August Röbling, der die Brooklyn Bridge in New York konstruiert hat, hier geboren. Mühlhausen … ich denke nach, habe ich jemals von dieser Stadt gehört? Ganz ehrlich?! Ich glaube nicht.
Ich fahre um den Außenbezirk der Stadt geradewegs auf die Altstadt zu. Vor der Stadtmauer stelle ich mein Fahrrad ab.
Ich bin beeindruckt, damit hatte ich nicht gerechnet. Wären hier keine Autos, ich fühlte mich ins Mittelalter zurückversetzt. Ein wahres Kleinod. Jetzt ärgere ich mich, dass ich die Stadtführung verpasst habe. Zu diesem Städtchen hätte ich gerne etwas von einem Stadtführer erfahren.
Jeder, der hier in der Nähe ist, sollte einen Abstecher nach Mühlhausen machen, wenn er diesen Ort noch nicht kennt. Ich freue mich dann doch sehr, dass ich hier nicht einfach vorbeigefahren bin. Fast anderthalb Stunden halte ich mich hier auf. Der Zeitplan ist für heute sowieso nicht mehr zur retten.
In dieser Stadt könnte man noch viel mehr Zeit verbringen. Schon jetzt steht für mich fest, die 60 km pro Tag, die ich zu Anfang etwas belächelt habe, sind mehr als genug pro Tag, wenn man die Unstrut und ihr Umfeld wirklich entdecken will. Und selbst wenn ich heute morgen um 8 Uhr losgefahren wäre, hätte die Zeit wohl nicht gereicht.
So entdecke ich zum Beispiel bei meiner Nachrecherche zur Tour, dass ich ganz knapp am geografischen Mittelpunkt Deutschlands in Niederdorla vorbeigeschrammt bin. Den hätte ich natürlich sehr gerne mitgenommen. Nun ja, das muss ich dann eben beim nächsten Mal machen, denn schon jetzt steht fest, dass ich auf jeden Fall wiederkomme.
Später auf der Rückfahrt erfahre ich durch meine Social-Media-Kanäle, dass aus Mühlhausen auch ein leckeres Pflaumenmus kommt. Natürlich habe ich es mir noch am Abend meiner Rückkehr gekauft und seit der Tour entlang der Untstrut etliche Gläser verzehrt.
Jetzt muss ich aber endlich weiter; habe ich doch nicht einmal die Hälfte der Strecke geschafft. Ich beschließe, jetzt wirklich ganz ernsthaft bis Herbsleben durchzufahren und keine Fotos mehr zu machen, was mir natürlich nicht ganz gelingt. In Bad Langensalza war ich schon mehrfach, daher kann ich das glücklicherweise schnell abhaken.
Auf wunderbaren Radwegen, auf denen ich an diesem Montagabend fast alleine bin, fahre ich in den Abend hinein. Die Unstrut ist mittlerweile zu einem kleinen Fluss geworden.
Spät, sehr spät erreiche ich Herbsleben, wo ich in der Landpension Minna untergebracht bin. Telefonisch muss ich erfragen, wie ich denn ins Haus komme, denn Personal ist um diese Zeit natürlich nicht mehr da. Ein wunderbarer erster Tag, trotz einer sehr nassen Anfahrt, geht zu Ende. 

Etappe 2: Von Herbsleben nach Artern
Tag 2 beginnt erst einmal mit einem leckeren und ausgiebigen Frühstück in der Landpension Minna. Um kurz vor 9 sitze ich wieder auf dem Rad. Meine erste Station heißt Sömmerda, wo mich um 11 Uhr eine Stadtführung erwartet. Dieses Mal will pünktlich sein.
Das Wetter ist wunderbar. Meinen Drang an jeder Stelle zu fotografieren unterdrücke ich erfolgreich und so liege ich gut in der Zeit.
Pünktlich erreiche ich Sömmerda. Brav melde ich mich in der dortigen Tourist-Info. Mein Stadtführer ist noch nicht da. Also warte ich draußen in der Sonne, schieße Fotos und bediene die Social-Media-Kanäle mit Bildern und Stories. Irgendwie lässt sich mein Stadtführer nicht auftreiben. Also ziehe ich auf eigene Faust los, um mir das Städtchen anzuschauen. Ganz so schön wie Mühlhausen ist es allerdings nicht. Das Rathaus ist sehr schön. Leider stört ein Auto direkt vor dem Rathaus das Bild.
Nach einem kleinen Mittagessen in Sömmerda setze ich meinen Weg fort. Weil es sehr warm ist, habe ich gar keinen richtigen Hunger. Dafür gönne ich mir einige alkoholfreie Weizen.
Entspannt setze ich meinen Weg fort. Immer wieder mache ich kurze Pausen und genieße die idyllischen Ausblicke. Hier kann man wirklich fantastisch radeln.
Und beim nächsten Mal werde ich auf jeden Fall eine kleine Kanu-Tour auf der Unstrut einplanen. Meine Social-Media-Aktivitäten bleiben nicht unbemerkt. Eine Redakteurin des Naumburger Tageblatts fragt an, ob ich morgen nicht Zeit hätte für ein Interview. Klar, da sage ich doch gerne zu.
Der Tag vergeht wie im Fluge. Die Landschaft ist sehr abwechslungsreich. Besser kann man es als Radfahrer gar nicht antreffen. Und einmal mehr freue ich mich über mein kleines, rotes Klapprad, das mit auch bei dieser Tour wieder gute Dienste leistet.
Auch an diesem Tag merke ich, dass die 60 km wirklich reichen. Längst habe ich nicht alles gesehen. Längst nicht alles fotografiert. Beim nächsten Mal werde ich mehr Zeit mitbringen.
Kurz bevor die Küche schließt, treffe ich im Hotel Restaurant Weinberg ein. Mit Blick auf den Kyffhäuser verputze ich Eis, Hefeweizen und eine 2 Berliner Weiße, denn großen Hunger habe ich nicht. Wieder geht ein wunderbarer Tag zu Ende.

Etappe 3: Von Artern nach Naumburg
Tag 3 beginnt wie Tag 2 aufgehört hat. Bei bestem Wetter starte ich schon etwas früher als geplant, denn spätestens um 16:00 Uhr muss ich in Naumburg sein, denn dann geht mein Zug zurück nach Köln. Vorher habe ich aber noch das Interview mit dem Naumburger Tageblatt, sodass ich schon um 15.00 Uhr in Naumburg sein muss. Ich weiß, ich muss mich ranhalten.
Ich habe mir auf der Strecke nur einen einzigen Termin vorgenommen. Ich möchte in Nebra in das Museum, das der Himmelsscheibe gewidmet ist. Mehr Zeit wird wohl nicht bleiben. Nach den anderen beiden Tagen, weiß ich, dass ich mich sehr disziplinieren muss, um das zu schaffen.
Wieder geht es über tolle Wege Richtung Nebra und Naumburg. Ganz kann ich das Fotografieren natürlich nicht lassen. Aber die Zeit sitzt im Nacken, daher muss alles schnell, schnell gehen. Einfach viel zu wenig Zeit, denke ich …
Als ich Thüringen verlasse und nach Sachsen-Anhalt rüberfahre, denke ich sofort, das war nicht das letzte Mal, dass ich hier mit dem Rad unterwegs war.
Eigentlich liege ich ganz gut in der Zeit bis zu dem Zeitpunkt, wo ich das Hinweisschild Richtung Museum übersehe. Erst in Nebra fällt mir auf, dass ich schon zu weit gefahren bin. Also wieder zurück, denn diese Station muss unbedingt sein. Und ich werde nicht enttäuscht. Der Besuch dort lohnt sich auf jeden Fall.
Das Museum ist im Übrigen auch für Kinder sehr gut gemacht. Natürlich habe ich viel zu wenig Zeit. Den Film im Museum über die Himmelsscheibe sehe ich nur halb, denn ich muss zurück auf´s Rad. Puh, da kommt Hektik auf. Aber ich hab um 15.00 Uhr eine Verabredung. Also weiter …
Den Weingütern am Rande des Radwegs winke ich nur zu … beim nächsten Mal, denke ich. Das Zeichen des Jakobspilger fällt mir auf. Dazu muss ich dann doch noch mal stoppen, um zu fotografieren. Denn rund 1.500 km von mir entfernt, läuft gerade meine Tochter den Jakobsweg im fernen Spanien. Später, als ich im Zug sitze, schicke ich ihr einen kurzen Gruß von der Unstrut.
Mit der Fähre setze ich über die Saale nach Naumburg. Ganz unscheinbar liegt die Mündung der Unstrut vor mir. Sicherheitshalber vergewissere ich beim Fährman, das da ist die Unstrut? Er nickt.
Ich eile von Bord. Pünktlich um 15:00 klingelt mein Handy. Es ist die Redakteurin vom Naumburger Tageblatt. Ich hechele ins Telefon, ich bin in 2 Minuten bei Ihnen.
Was für eine wunderbare Tour, denke ich später im Zug. Ich komme wieder.

Alle Erlebnisse finden Sie nicht nur hier, sondern bebildert auch dem Blog www.kettenpeitcher.com.